Annotation als digitaler Diskurs

Michael Bender/Ruth M. Mell
13.09.2018, 14.00 Uhr-14.45 Uhr, S06 XX, Symposium VIII

Durch die kollaborative Annotation digitaler Text-Korpora entsteht eine diskursive Ebene, die mit den Gegenständen der Annotation verknüpft ist. Auf dieser Ebene werden Analyse- bzw. Auszeichnungskategorien in Form von Annotationsschemata und -richtlinien ausgehandelt, die an bestimmten Forschungsfragen ausgerichtet sind. In unserem Beitrag nehmen wir diese Form digitaler Diskurse in den Blick – und zwar am Beispiel von studentischen Annotationsprojekten im Rahmen der Hochschullehre in der germanistischen Linguistik. Es geht in diesem Vortrag also nicht um automatisierte Annotationsverfahren wie z.B. beim Part-of-Speech-Tagging, sondern um manuelle (ggf. teil-automatisierbare) Verfahren, die von mehreren studentischen Annotator/innen zur Analyse bestimmter Phänomene angewendet werden, z.B. Formen des sprachlichen Bewertens oder wissenschaftliche Textroutinen, durchaus auch mit digitalen Diskurs-Fragmenten als Annotationsgegenständen. Auf der digital-diskursiven Metaebene der Annotation selbst werden nicht nur konkrete Anwendungs- und Analyseentscheidungen beim Tagging sowie Zuordnungsprobleme von Textpassagen zu Kategorien (Inter-Annotator-Agreement) sichtbar, sondern es werden verschiedene Ebenen wissenschaftlicher Erkenntnisprozesse durch Annotationsschemata und -guidelines explizit gemacht: von der Operationalisierung linguistischer Fragestellungen über die Modellierung von Konzepten bis hin zu Aspekten der Theoriebildung. Wir sehen solche kollaborativen Annotationsverfahren als Partizipations- und Erkenntnismöglichkeiten (vgl. Alscher/Bender 2016 und Bender 2016) für die Studierenden bzw. als didaktisches Szenario, das die Wissensgenese auf der Basis kommunikativer Aushandlung unterstützt (vgl. Mell 2015), und zeigen, welche diskursanalytisch-methodischen und didaktischen Effekte erzielt werden können.

 

Literatur
Alscher, Stefan; Bender, Michael (2016): Auf der Suche nach dem »goldnen Baum« – Digitale Annotation des Metaphernbegriffs in Poetiken: Erkenntnisprozess, diskursive Praktik und ›tertium comparationis‹ In: Zeitschrift für digitale Geisteswissenschaften. DOI: 10.17175/2016_004.

Bender, Michael (2016): Digitale Methoden und Kulturtechniken. In: Friese, Heidrun; Rebane, Gala; Nolden, Marcus/ Schreiter, Miriam: Handbuch soziale Praktiken und digitale Alltagswelten. Heidelberg: Springer. DOI: 10.1007/978-3-658-08460-8_48-1.

Mell, Ruth M. (2015): Vernunft, Mündigkeit, Agitation. Eine diskurslinguistische Untersuchung zur Generierung und Strukturierung von Wissen über das Konzept 'AUFKLÄRUNG 1968'. Bremen: Hempen.