Andauernd an: Mobiltelefone und das Problem der Relevanz

Ruth Ayaß
12.09.2018, 11.45 Uhr-12.30 Uhr, in S06 XX, Symposium I

Mein Vortrag diskutiert die Frage, inwiefern mobile Geräte die Relevanzstrukturen von Alltagssituationen und -kommunikationen verändern. Auch wenn Mobiltelefone bzw. Smartphones ein fester Bestandteil alltäglicher Lebenswelten geworden sind, wissen wir noch zu wenig darüber, wie sie die Strukturen alltäglichen Lebens verändern. Im Alltag werden nach wie vor Meinungsverschiedenheiten ausgetragen, wo diese Geräte verwendet werden dürfen (nicht bei Tisch, nicht in der Oper), es werden auch Diskussionen darüber geführt, wo und wie ihr Gebrauch kontrolliert oder eingeschränkt werden kann oder muss (zum Beispiel in der Schule oder in Vorlesungen). (Unter anderem) aus der Soziologie stammen erste empirische Analysen zum Gebrauch von Mobiltelefonen und ihrer Rolle in Alltagskommunikationen: Keppler zum Beispiel diskutiert die „Reichweite“ alltäglicher Gespräche und inwiefern diese durch die Verwendung von Mobiltelefonen verändert wird. Ich selbst habe in einem früheren Beitrag das Potential von (elektronischen) Medien als “involvement shields” (Goffman) gezeigt, also als ein Hilfsmittel, Kommunikation unter Anwesenden abzuwehren.

Die Präsentation schließt an diese Überlegungen an. Sie diskutiert jedoch einen Aspekt, der bislang bei der Analyse von Medien eher unbeachtet blieb, die Frage der „Relevanz“, und, damit eng verbunden, die Frage von Aufmerksamkeit. Als wissenschaftlicher Begriff ist „Relevanz“ eng mit der Phänomenologie verknüpft. Alfred Schütz unterscheidet zwischen verschiedenen Formen der Relevanz (thematische, interpretative, auferlegte). Relevanzsysteme spielen für unsere Orientierung im Alltag eine zentrale Rolle: Sie lenken und strukturieren unsere Aufmerksamkeit und verknüpfen neuen mit vertraute Erfahrungen. Viele unserer Erfahrung sind mit von anderen „auferlegten“ Relevanzen verbunden (im Unterschied zu “intrinsischen“ Relevanzen, die freiwillig erfahren werden). Solche erzwungenen und freiwillig gewählten Relevanzen spielen im Umgang mit Medien eine zentrale Rolle. Smartphones zum Beispiel setzen sich häufig genug allein durch ihre Positionierung relevant: Sie sind allgegenwärtig auf Tischen, in Jackentaschen, teils werden sie einfach in der Hand gehalten (und so durch ihre Besitzer relevant gesetzt). In dieser zentralen Position legen sie den Akteuren weitere Relevanzen auf – durch Klingeln, Summen, Brummen, Leuchten, Blinken und alle Formen von Statusmeldungen. Häufig intervenieren diese Meldungen akustisch und/oder visuell in gerade stattfindende Aktivitäten und unterbrechen oder verändern diese. In beiden Fällen müssen die anwesenden Akteure ihre Aufmerksamkeit neu organisieren, indem sie den Geräten die Aufmerksamkeit entweder zuwenden oder entziehen.

Mein Vortrag geht u.a. den folgenden Fragen nach: Wie gelingt es diesen Gegenständen, sich relevant zu setzen? Wie wird Aufmerksamkeit angesichts der Geräte organisiert? Wo und wie werden die Geräte und ihre Inhalte relevant oder irrelevant gesetzt? Wie verändern sie die (medialen) Strukturen der Lebenswelt?